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Scheiß auf Arena: IUMA war bei mir im Garten

2. Sept.
7 Min. Lesezeit

Es steht nicht alle Tage eine Künstlerin in einer Kleingartenanlage in Dortmund und singt von Herzschmerz und Vulven. IUMA war bei mir im Garten zu Gast. Von der Musikbranche, die Künstler:innen krank macht, von Live-Musik anders gedacht und der Schönheit, sich fremden Menschen zu öffnen.


IUMA unter einem Sonnenschirm beim Gartenkonzert
Foto: Hannah May

"Hallo Leute, ich möchte dieses Jahr eine Tour spielen und zwar in euren Gärten", postet IUMA am 13. Juli als Reel. Genau einen Monat später steht sie in meinem Garten* unter einem ollen Schirm und singt.


IUMA ist Künstlerin aus Karlsruhe, hat Gesang in Köln studiert und lebt jetzt in Berlin. Ihren ersten Song veröffentlichte sie 2019, 2023 folgten die erste EP genug, Headline-Shows, Support diverser deutscher Künstler:innen und 2024 war sie auf erster eigener Tour.


Heute kommt sie nicht aus Berlin, Köln oder Karlsruhe, sondern aus Diepenau von einem großen Hof mit Menschen zwischen zwei und 85 Jahren. Wir empfangen sie auf dem Parkplatz der Kleingartenanlage, sie kommt uns mit einem schüchternen aber breiten Lachen auf den Lippen, großen Augen voller Vorfreude und einer Familienkutsche voller Equipment entgegen. Wir tragen zusammen ihre Sachen zum Garten, immer unseren selbstgebastelten Schildern nach, damit sich niemand auf dem Weg in den Garten verläuft, wie es sonst des Öfteren passiert. Während wir Pizza essen, besprechen wir die Basics: Wer wir sind, was wir machen und warum Friedrich Merz eigentlich so ein H*ndesohn ist. Natürlich bleibt auch die Frage nicht aus, wie sie jetzt in diesem Garten gelandet ist.


In Zeiten von lächerlich kleinen Streaming-Einnahmen, maximal geschrumpften Platten-verkäufen und Kürzungen in der Musikförderung ist die Live-Musikbranche mit die wichtigste Einnahmequelle für Musiker:innen. Eigentlich. Denn sie hat ein riesiges Problem: Kaum jemand kann sich Live-Musik noch leisten. Konsument:innen stehen vor gestiegenen Ticketpreisen und der Qual der Wahl, ob sie sich für drei kleine oder ein großes Konzert entscheiden sollen. Und immer mehr Artists teilen Videos von schwachen Ticketverkäufen, dazu kommen gestiegene Produktionskosten und hohe Abgaben an die Locations. Das geht soweit, dass eigene Touren abgesagt werden müssen. Madeline Juno postete vor kurzem ein Video, in dem sie sagt, dass sie mit ihrer letzten Tour im Minus gelandet sei. Und auch IUMA sei grade mal auf Null rausgekommen, erzählt sie uns. Da stellt sich die Frage nach einer Lösung.


Gartentalks


"Ich möchte Konzerttouring anders denken", liest es sich in ihrem Pressetext. Konkret heißt die Lösung Gartentour 2026. Das Konzept von Gartenkonzerten ist nichts Neues. Wenn man an die Anfänge der Musik denkt, sind es vor allem private Räume, in denen Musik stattfand. 2013 gingen auch die Toten Hosen auf Gartentour, um sich mit Fans zu connecten. Und auch während der Corona-Pandemie verschob sich die Livemusik in das Zuhause der Menschen. Es ist ein Gegenentwurf zur kapitalistischen Musik, zu Arenatouren mit Riesenleinwänden und Miniatur-Artists, zu Konzernen mit Millioneneinnahmen, zu Menschen, die sich in der Schlange vor der Venue einkoten.


Für IUMA bedeutet es keine Abgaben, wenig finanzielles Risiko und ein neues, diverses Publikum. Kostenlos, nur mit der good old Hutspende in privaten Orten, versammelt mit Menschen, die hauptsächlich durch Mund-zu-Mund-Propaganda hier gelandet sind. Und dann schläft sie bei ihnen. Das sei zwar anstrengender als erwartet, bisher aber eine total schöne Erfahrung. "Ich hab mir davor gar nicht so Gedanken gemacht, wie anstrengend das eigentlich wird, jeden Abend neue Menschen kennen zu lernen. Meistens geht es auch, während ich sowas mache und danach merke ich dann, boah war das viel".

Wir reden noch ein bisschen, bis sie irgendwann sagt: "Oh, ist ja schon ganz schön spät, ich sollte mal aufbauen. 19:30 Uhr wird wahrscheinlich knapp."

Publikum im Garten
Foto: Hannah May

Während sie aufbaut und ihren Sound checkt, trudeln die ersten Gäst:innen ein. Es sind nur geladene Menschen, Freund:innen, Familie und ein paar von außerhalb. Es wird gequatscht, gewuselt, Getränke werden getrunken, alle suchen sich das gemütlichste Plätzchen im von der Sonne gefluteten Garten und wir merken garnicht, dass IUMA nochmal kurz eine kleine Runde in den Wald gegangen ist. Sie bräuchte vor Auftritten immer einmal ihre Ruhe, meint sie später. Um 19:45 Uhr kehrt sie in den Garten zurück, stellt sich ans Mikrofon und sagt in die goldene Stunde hinein:


"Okay, kann los gehen"


Kein Kostüm, keine Schuhe, nur eine Frau mit ihrem Klavier, Mikrofon, Mikrofon-Ständer, Percussionboard, einem Mixer und einer Box steht vor uns, während wir es uns auf Picknickdecken, Bierbänken oder sonstigen Sitzgelegenheiten bequem gemacht haben. Die ersten Klavierklänge ertönen, dann IUMAs Stimme. Sie ist rau und zart und mutig und ich glaube ihr jedes Wort, das aus ihrem Mund kommt. Von einer turbulenten Familie in "Schau zu wie es brennt" und von den Freund:innen des Ex in "u-bahn".

Sie erzählt Anekdoten zu ihren Songs, spielt Klavier, bedient ihr Soundboard mit ihrem Zauberstab und trifft die richtige Mischung aus Ich-will-heulen-Songs und Ich-will-heulen-Songs mit catchy Beat und welchen, wozu man nicht akut heulen will.


IUMA mit Sonne im Hintergrund
Foto: Birte Mundhenk

Als sie ihr Lied "Goldjunge" spielt, fällt die untergehende Sonne durch die Bäume und wickelt sie in ein recht magisches Licht, sodass ich mich bis zum Ende nicht entscheiden kann, ob ihre Haare nur braun oder auch rot sind. Ich denke daran, dass sich vorher eine Freundin zu mir umdrehte und meinte: "Das fühlt sich alles an, wie das Ende eines deutschen Spielfilms". Voll. Es ist irgendwie alles nicht ganz real. Da stellt sich jemand zwei Wochen lang in fremde Gärten und Höfe und macht sich vor fremden Menschen jeder Altersklasse förmlich nackt, also so emotional. Und das ganz alleine. Ich bewundere sie.


Zurück aus meinen Gedanken kündigt sie den nächsten Song an. Die letzten Konzerte wären auch Kinder da gewesen, hier sind keine und IUMA kann endlich wieder "PUSSY" spielen: "Der musste mal wieder raus", sagt sie und lacht herzlich. In der erste Strophe wackeln die Lyrics kurz: "Boa den hab ich echt lang nicht mehr gespielt", stellt sie schmunzelnd fest und schließt dann die Augen, als sie zum Refrain ansetzt.


Du verschwindest zwischen meinen Bein’, Ich bin nass und du tauschst in mich ein, Schmeck mich, nehm dir alles was ich hab, Zieh dein Gesicht durch mich wie eine Credit Card.

– IUMA in "PUSSY"


Hier hat sie das richtige Publikum für den Song auf jeden Fall gefunden. Köpfe nicken, Münder lachen, Stimmung: Gut. Wir sind dabei, allerspätestens bei ihrem "Ich liebe das Leben"-Cover schunkeln und singen alle mit. Es fühlt sich vertraut, entspannt und komisch intim an. Vor weniger als fünf Stunden waren viele von uns Fremde. Im Garten gegenüber haben sich zwei alte Männer Strandliegen aufgestellt und schauen sich das Spektakel aus der Ferne an. Ich wette, dass sie auch mitsingen.


3 Balladen EP


IUMA hat die Stärke charmant von einer Emotion in die andere zu leiten. Von der Liebe zum Leben geht es hin zum Problemkind Musikbranche: "Ich habe ein bisschen das Gefühl, dass alle Menschen darin krank werden. Und ich glaube, wir könnten und müssen Wege finden, das irgendwie gesünder zu gestalten. Ich hab irgendwann gemerkt, ich mache Musik nur noch aus einem funktionalen Modus, aus 'Ich muss TikTok machen und ich muss Instagram machen und es zählen nur Zahlen' und das hat mich richtig fertig gemacht. Dann habe ich gesagt: Halt stopp! Ich muss mal ’ne Pause machen, nur noch Musik für mich schreiben und keine Musik mehr rausbringen. Das habe ich jetzt zwei Jahre lang gemacht und das tat mir richtig gut. Jetzt bin ich sehr aufgeregt wieder Musik zu teilen. Es fühlt sich wieder richtig an."


Danach spielt sie Songs von ihrer unveröffentlichten neuen EP 3 Balladen. Es sind überraschenderweise: Balladen. Sie sind sehr schön und handeln von ihren Depressionen oder dem Wunsch einer kleinen Welt voller Verbundenheit.


Dann der Song „Frau“. Im März hat sie ihn noch vor 13.000 Menschen in Berlin gespielt. Jetzt steht sie vor 30 und singt, dass sie eine Frau sei, dass ihr so oft nicht geglaubt würde, doch kein Mann sie brechen könne, egal wie sie aussehe, wie sie denke, wie sie spreche:


Ich bin eine Frau, Mir wird so oft nicht geglaubt, Doch kein Mann wird mich brechen, Wie ich ausseh’, wie ich denke, wie ich spreche.

– IUMA in "Frau"


Die Luft lässt sich schneiden, ich sehe die Klöße im Hals, denn ich habe auch einen. Er sitzt tief, weil man das als weiblich gelesene Person alles kennt. Es trifft uns trotzdem alle. Als die letzten Klaviernoten verstummen herrscht eine lange Pause, ein Durchatmen, eine Schweigesekunde, die in tosenden Applaus (soweit 30 Menschen tosen können) und Wuuuuuh-Schreie übergeht. Ich wuhue meinen Klos heraus und klatsche so laut ich kann, weil es sich in der Sekunde wie der einzige Akt des Widerstands anfühlt.


IUMA singt im Garten
Foto: Hannah May

In IUMAs Instagram-Bio steht: Emotional beim Singen 🥹 Clumsy im Leben 💅


Den emotionalen Teil hat sie schon längst bewiesen.


Zu „Honda“ gibt’s auch noch Anschauungsmaterial: "Das Geile ist, dass du als Musikerin einfach lügen kannst. Ich kann zum Beispiel gar kein Roller fahren. Die zwei Mal, die ich gefahren bin, hab ich zwei Mal den Roller gegen eine Wand gefahren". Ich finde das zählt zu clumsy. Nach dem Song rennt sie kurz in die Gartenhütte, denn sie hat den Hut für die Hutspende hinten geparkt. Der Hut ist eine Pappbox mit Regenbogen-Geschenkpapier und während wir unser Geld suchen, spielt sie: "Gebt mir euer Geld, gebt mir all euer Geld, gerne Scheine, aber sonst gehen auch Münzen". Wir machen, was verlangt wird. Dann geht ihr der Text aus und uns das Geld – beides gut und schlecht zugleich.


Sternschnuppen & Lavendel


Als sie zum letzten Song kommt, sagt sie: "Ich komm jetzt zum letzten Song. Ich spiel’ keine Zugabe, also wäre jetzt der Zeitpunkt, um Zugabe zu rufen." Wir schreien alle ZUGABE! und klatschen rhythmisch, wie es sich gehört. Denn auch in einer Kleingartenanlage sollte die deutsche Konzert-Etikette nicht zu kurz kommen! IUMA hockt sich hinters Klavier und springt nach zwei Sekunden wieder hoch, wir jubeln frenetisch, total überrascht von ihrem plötzlichen Wiedererscheinen und dann kommt der letzte Song: "Sex ist". Es wird im sitzen getanzt, es werden sich lachend Blicke zugeworfen, das Mitsingen fällt allerdings aufgrund IUMAs weitreichender Stimmspanne stellenweise schwer, es ist nämlich sehr hoch. Dafür singt sie umso schöner.


Und dann ist es vorbei. Ihr Auftritt wird von unseren klatschenden Händen abgelöst, wir danken uns allen gegenseitig fürs Kommen und IUMA stellt sich an eine Bierbank und verkauft Plakate, Lavendelsäckchen und quatscht mit allen.


Als es sich langsam leert, verlässt auch die Aufregung den Garten. Wir reden über das Leben, über die Sternschnuppen am Vortag und IUMA erzählt, dass sie sich bei einer gewünscht hat, dass Aliens kommen. Ganz normale Sachen eben. Nach weiteren Schnuppen Ausschau haltend, sitzen wir da, bis uns die Mücken aufessen. Wir räumen zusammen auf, dann fahren wir zusammen nach Hause, sie schläft bei uns, wir frühstücken morgens zusammen, dann macht sie sich auf den Weg.


Als wir uns an unserer Wohnungstür verabschieden sagt sie: "Ich hab’ garnicht darüber nachgedacht, aber wir hätten uns ja auch richtig blöd finden können." Ich glaube, dass das ein gutes Zeichen ist. Ein Zeichen ihres Muts zur Neugier, zur Verletzlichkeit und ihrer Sehnsucht nach Verbundenheit. Ein Zeichen dafür, dass sie mit ihrer Gartentour mehr als nur ein bequemes Konzerterleben schafft. Es ist ein Erleben von Miteinander und Teilhabe, von Herzlichkeit und Offenheit und Spaß und Heulerei und all diesen Emotionen, die wir in uns tragen. Für einen Abend haben wir alle zusammen einen "Safe Space" geschaffen, um mit einem ihrer Songs zu schließen. Scheiß auf Arena!



* Genau genommen ist das gar nicht mein Garten, sondern der meiner Schwiegermama in spe. Ich werde jedoch der Einfachheit halber zum Garten meiner Schwiegermama in spe mein Garten sagen. Es ist aber tatsächlich gar nicht MEIN Garten.

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