Philine Sonny im Interview: Wie persönlich darf Musik sein?
- Kaja

- vor 2 Tagen
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Philine Sonny ist mittlerweile Stammgast bei dotted note. Mit ihrem Debütalbum Virgin Lake veröffentlicht die Alt/Indie-Künstlerin nun ein intensives, klug erzähltes Coming-of-Age-Album über familiäre Entfremdung, Heilung und persönliches Wachstum. Im Interview spricht sie über den Balanceakt zwischen persönlicher Offenheit und Privatsphäre und erzählt, wie ihr der Roman Hard Land von Benedict Wells im Schreibprozess geholfen hat.

Vor vier Jahren haben wir beide schonmal ein Interview geführt, zu deiner Debüt-EP Lose Yourself. Als ich dich nach deinen Träumen gefragt habe, meintest du „Vielleicht treffe ich eines Tages Sam Fender und dann werde ich ihm einen Antrag machen.“ Gib uns mal ein Update, wie nah bist du diesem Traum gekommen?
Philine: Ich habe ihn noch nicht getroffen, ich konnte aber mit dem Produzenten von seinen ersten beiden Alben sprechen (Anm. d. Red.: Thom Lewis). Ich hatte ein Telefonat mit ihm, während ich mein Album fertig gemacht habe. Er hat sich das angehört und mir ganz liebes Feedback dazu gegeben.
Wie ist das zustande gekommen?
Philine: Einer meiner A&Rs kennt ihn, hat von mir erzählt und ihm das Album geschickt. Er hat sich dann über Instagram bei mir gemeldet, ob wir mal telefonieren wollen. Das war total verrückt.
Da kommen wir direkt mal genauer aufs Album zu sprechen: Deine vorigen EPs waren schon sehr persönlich, aber bei Virgin Lake hatte ich das Gefühl, du arbeitest wirklich dein ganzes Leben einmal auf. Wie bist du an den Punkt gekommen, dass du zu dieser Selbstreflexion in der Lage warst?
Philine: Ich bin seit dreieinhalb Jahren in Therapie. Das spielt eine große Rolle, weil ich diese persönlichen Themen viel durchspreche und gerade familiäre Sachen von ganz früher komplett aufarbeite. Dadurch habe ich viele neue Erkenntnisse darüber gewonnen, wie ich meine Kindheit erlebt habe und wie meine Eltern die – unabhängig von mir – aus deren Perspektive erlebt haben. Da habe ich ein paar Ebenen dazu gewonnen. Das ist schön, dass du das auch sagst, weil ich über die Spanne des Albums versucht habe, es aus vielen verschiedenen Sichten und Standpunkten zu schreiben.

Hard Land als Unterstützung im Schreibprozess
Ich würde dein Album als Coming of Age-Album betiteln. Passend dazu, sagst du, hat das Buch Hard Land von Benedict Wells dich im Schreibprozess inspiriert. Ist dir erst beim Lesen des Buchs bewusst geworden, dass sich diese Erzählung vom Außenseiter, pubertärem Gefühlschaos und dem späten über sich Hinauswachsen in deinem Album wiederfinden lässt?
Philine: Ja. Ich habe das Buch das erste Mal 2021 gelesen und dann 2024 nochmal, als ich allein in Norwegen war. Da habe ich es aus einer anderen Perspektive gelesen. Ein Teil von Virgin Lake war schon geschrieben, aber ein anderer Teil noch nicht. Hard Land hat mir dabei geholfen, das Album zu strukturieren. Man kann diese Songs wirklich eins zu eins an Stellen im Buch setzen. Im Endeffekt ergibt die Reihenfolge jetzt Sinn, und wie das Album von vorne bis hinten die Geschichte erzählt. Aber am Anfang hatte ich diese ganzen Songs, die so durcheinander waren. Das Buch war eine Hilfe, aus diesem Gewusel eine Ordnung zu schaffen.
Wenn du Hard Land da schon zum zweiten Mal gelesen hast, hattest du dann schon im Hinterkopf, dass es dir vielleicht beim Schreiben weiterhilft oder war das Zufall?
Philine: Das war zufällig. Als ich das Buch 2021 zum ersten Mal gelesen habe, dachte ich: „Krass, das beschreibt gerade ziemlich genau mein Leben“. Ich war damals in einer ähnlichen Phase wie Sam am Anfang des Buchs, als er im Kino anfängt zu arbeiten, neue Leute kennenlernt und sich erst mal nicht so richtig zugehörig fühlt. Und dann werden diese Leute plötzlich zu seinen engsten Freunden. Bei mir war das damals ähnlich. Ich bin gerade von zu Hause ausgezogen, habe viele neue Menschen kennengelernt und war damit erst mal ziemlich überfordert. Mit der Zeit bin ich da aber reingewachsen. Lustigerweise war ich genau mit diesen neuen Freunden in L.A., als ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe. Wir haben damals das Video zu „People“ gedreht. Ich habe Hard Land dann 2024 mit nach Norwegen genommen, für den Fall, dass ich mein erstes Buch dort fertig lese. Zu der Zeit war ich in meinem eigenen Leben eigentlich schon an dem Punkt angekommen, an dem das Buch endet.
Kannst du Beispiele nennen, welche Songs an welche Szenen im Buch anknüpfen?
Philine: Es gibt den Song „September“, der passt zu dem Moment in der Freundesgruppe, als er dort ein bisschen mehr ankommt. „All the Ways I Break“ knüpft an die recht distanzierte Beziehung zu seinem Vater an, von dem er sich nicht so richtig verstanden fühlt. „Dogbite“ würde ich ganz ans Ende der Geschichte setzen, zu dieser Auflösung des Buchs, als sich alles ein bisschen zerstreut: Manche Leute kommen wieder in die Stadt, manche nicht, manche sieht man nie wieder, manche eröffnen ein Restaurant. Das hat alles einen realistischeren Ton und ist nicht so perfekt, wie in diesem tollen Sommer mit seinen Freunden. Am Ende landet man eben genau dort.
Die Grenzen des Persönlichen
Bei unserem ersten Interview hast du auch schon von einem Moment in Norwegen erzählt, der dich inspiriert hat. Was gibt Norwegen dir, was andere Orte nicht können?
Philine: Es ist einfach so überwältigend schön. Ich bin nach Tromsø geflogen und von da noch drei Stunden mit der Fähre in den Norden auf eine ganz kleine Insel gefahren. Auf dieser Insel gibt es eine öffentliche Hütte, wo man einfach hingehen kann. Ich habe in dieser Hütte 16, 17 Stunden verbracht, lag da rum, hab gelesen, hab gemalt. Weil dort sonst niemand war, war ich auch einfach nackt im Meer schwimmen. Es war arschkalt, aber das ist so eine Extreme, die mir manchmal ganz gut tut. Das war so doll kalt und rau und alleine. Ich fühle mich an diesem Ort so befreit von allem.
Dort hattest du auch deinen persönlichen „Outrun“ Moment. Du meintest, dass dich der Film The Outrun und der emotionale Abnabelungsprozess zum gleichnamigen Song inspiriert hat. Man versteht nicht so ganz, wovon du singst, aber man versteht die Emotionen, mit denen du singst. Wie schwer fällt es dir denn, das so zu schreiben, ohne zu viel Privates zu teilen – sowohl von dir als auch von anderen Menschen?
Philine: Das ist das Schwierigste im Kommunizieren dieses Albums. Es steckt so viel mehr drin, als ich erzählen will und sollte. Wie du schon sagst, das ist nicht nur meine Geschichte, sondern auch die von anderen Leuten. Bei „Outrun“ dachte ich, dass es offensichtlich ist, worüber ich singe. Dann haben mir ganz viele Leute gesagt, man checkt das gar nicht. „Eye for an Eye“ ist dagegen hart auf der Grenze zu einem Song, wo ich vielleicht zu viel erzähle. Da fühle ich mich tatsächlich manchmal schlecht, aber ich habe da gar nicht so eine richtige Lösung zu. Also es ist immer eine Gratwanderung. Und diese Situation, die man im Album spürt, die ich aber nie ganz benennen kann, hat sich auch bis heute nicht richtig aufgelöst. Manchmal denke ich, ist mir alles scheißegal und ich kann da so viel erzählen, wie ich will. Es schränkt mich ja auch ein, dass ich über Dinge nicht sprechen kann, die eigentlich einen Großteil meines Lebens ausmachen. Andererseits denkt dann auch immer der andere Teil in mir, der Song ist unfair. Wenn ich in 20 Jahren darauf zurückblicke, werde ich wahrscheinlich sagen, dass das nicht unbedingt die netteste Art war, damit umzugehen.
Du postest immer mal wieder Videos auf Social Media, in denen du Hintergründe zu deinem Album erklärst. Wie wichtig ist dir, dass Songs richtig verstanden werden?
Philine: Aus irgendeinem Grund habe ich das Bedürfnis, die Songs zu erklären – zumindest jetzt bei dem Album. Ich habe das Gefühl, meine schwierigen und traumatischen Erlebnisse setzen das, was ich mache, in ein anderes Licht. Aber ich kann nicht darüber sprechen. Deswegen fühle ich mich manchmal nicht vollständig gesehen. Es steckt so viel Arbeit dahinter, dass ich an dem Punkt stehe, an dem ich jetzt bin, dass ich normal funktioniere und dieses Album überhaupt machen konnte. Ich versuche, mich so mitzuteilen, wie ich es eigentlich nicht kann. Vielleicht ist das total egoistisch, wenn ich dadurch andeuten will, was für eine krasse Leistung das alles war. Das ist aber gar nicht meine Intention. In manchen Kritiken habe ich gelesen, die Songs hätten zu wenig Inhalt. Das ist genau das, was du vorhin meintest, dass man nicht so richtig checkt, worum es geht. Ich glaube, dass manche Songs eine andere Bedeutung kriegen würden, wenn man den Kontext wüsste. Aber ich kann denjenigen auch nicht das Gegenteil beweisen. Es denkt halt jeder, was er denkt.
Full-Circle-Moments auf Virgin Lake
Man versteht auch so, dass im Album viel Persönliches drinsteckt. Mein Lieblingsmoment auf Virgin Lake ist der Übergang von „Rotten Fruit“ zu „Water To A Seed“. Was verbindet die beiden Songs?
Philine: Die Songs drehen sich um ein Thema und eine Person. Es geht vor allem um die Verbindung zu jemandem, die man nicht so richtig leugnen kann. Was generell in meinem Leben recht präsent ist und auch in den beiden Songs, ist diese Generationenspirale, in der man sich befindet. Sich aus diesem Kreis zu lösen und daraus auszubrechen, davon handelt „Rotten Fruit“. Bei „Water To A Seed“ geht es dann auch darum, wie ich mit anderen Menschen interagiere, auch im Kontext von Sexualität. Da merke ich, dass ich gar nicht so weit entfernt bin von diesem Kreis, aus dem ich eigentlich ausbrechen will und dass er mich doch immer wieder einholt. „Rotten Fruit“ handelt auch davon, dass ich sehe, dass sich die Person selbst in deren Familienkreis befindet und dass ich mit in diesem Kreis hänge.
Außerdem gibt’s einen gemeinsamen Song mit BROCKHOFF und Shelter Boy auf dem Album. Man lernt in deinem Job viele Musiker*innen kennen. Warum habt genau ihr drei eine WhatsApp-Gruppe erstellt?
Philine: Lina (BROCKHOFF) und ich haben uns 2020 im Popkurs in Hamburg kennengelernt. Wir haben damals ungefähr zur gleichen Zeit unsere ersten Songs veröffentlicht und dann auch unseren ersten Festivalsommer gleichzeitig erlebt. Dadurch konnten wir einfach total gut zueinander relaten. Simon (Shelter Boy) kannte ich eher so am Rande. Ich habe in der Band von M.Byrd bei Leoniden Support gespielt, und da war Simon auch mal da, obwohl er selbst gar keine Aufgabe hatte. Wirklich näher kennengelernt haben wir uns dann beim Videodreh zu „Raincoats“ von ihm und AMILLI.
Später haben wir uns auf einem Festival wiedergetroffen, auf dem wir alle drei gespielt haben, und da hat es dann einfach richtig gut gepasst. Irgendwann haben wir gesagt: Lass uns doch mal zusammen Songs schreiben. Also haben wir uns für ein Wochenende im Harz getroffen. „Back Then (I Was Something)“ entstand am letzten Abend noch, nachdem wir an drei Songs gescheitert sind.
Wie seid ihr auf das Thema gekommen?
Philine: Das ist das Witzige. Wir haben die ganze Zeit krampfhaft versucht, Musik zu machen und ein Thema zu finden, das uns alle verbindet. Gleichzeitig sind wir aber auch viel spazieren gegangen und haben einfach privat geredet. Simon hat erzählt, dass er gerade jemanden neu kennenlernt. Lina hatte auch so eine Situation mit einer anderen Person, und bei mir war es ähnlich. Wir haben uns darüber ganz normal als Freunde ausgetauscht. Irgendwann am Ende ist uns dann aufgefallen: Ach krass, genau das ist eigentlich unser gemeinsamer Nenner. Gerade als Musiker ist man ständig unterwegs, hat wenig Zeit und macht Versprechungen, die man dann am Ende doch wieder absagen muss. Das war plötzlich das, was uns alle verbunden hat. Und dann haben wir den Song ganz intuitiv geschrieben, ohne groß darüber nachzudenken.

Der Song sticht sehr heraus, weil er wie ein Befreiungsschlag klingt. Davor waren viele wütende Songs, gegen Ende klingt es leichter und versöhnlicher. Generell erlebt man eine emotionale Entwicklung über das Album hinweg. Wie würdest du die beschreiben?
Philine: Das Album startet mit „The Band“, das ist der Status Quo, auf dem ich alle abhole, wo wir gerade stehen. In „Outrun“ wird in die Grundemotion eingeführt, die über das Album hinweg nach und nach aufgedröselt wird. Die Songs danach geben ein bisschen mehr Inhalt in diese Wut. Mit „Weak Spot“ komme ich in eine Phase von Reflektion, aber immer noch mit einer Prise Selbstmitleid. Der Song handelt auch davon, dass ich dazu neige, beim Kennenlernen neuer Menschen ziemlich schnell Trauma-Dumping zu betreiben. Das knüpft wieder an das an, worüber wir vorhin gesprochen haben: Dass ich das Gefühl habe, ohne manche Sachen über mich zu wissen, versteht man nicht, wieso ich so bin, wie ich bin.
In „September“ kommt dann die Phase des Ankommens, in der ich mehr davon los lassen kann. „Back Then (I Was Something)“ steht danach einfach für diese Momente, in denen man mit Freund*innen eine richtig gute Zeit hat. „Gatekeeper“ hätte ich eigentlich gerne an den Anfang vom Album gesetzt, aber es passte dann einfach vom Vibe nicht, also der gehört emotional eigentlich noch in die erste Phase.
„Rush Hour Traffic“ und „I Miss You“ beschreiben den Moment, in der die Enttäuschung ins Leben eintritt. So wie bei Sam im Buch: Plötzlich ziehen Leute weg, Dinge verändern sich, und man denkt sich nur „Hä, wir hatten doch gerade noch diese perfekte Zeit, warum hört das jetzt auf? Ich dachte, das bleibt für immer so.“ „I Miss You“ ist aber auch schon der Übergang in die letzte Phase, in der das größere Verständnis für die Situation und die Menschen anfängt.
„Made for You“ fand ich dann einfach einen schönen Outro-Song, der einen aus dem Album entlässt. Ich liebe letzte Songs von Alben grundsätzlich, ich habe auch eine Playlist mit letzten Songs von Alben.
Passend dazu: Hard Land endet mit einem Happy End auf dem Lake Virgin. Würdet du sagen Virgin Lake hat auch ein Happy End?
Philine: Irgendwo schon, aber vielleicht ein bisschen realistischer als das Buch. Natürlich gibt es viele schöne Momente, aber gerade „Made for You“ handelt auch davon, dass es immer noch einiges gibt, was ich nicht so richtig geschissen kriege.
Der Song ist deshalb auch kein klassischer Happy Song. Er zieht das Ganze eher nochmal zurück auf eine realistischere Ebene. Am Ende ist das Leben ja auch nicht dafür gemacht, dass immer alles durchgehend gut läuft.
Virgin Lake ist am 03. April via Nettwerk erschienen.
TOURDATEN
8.4. Köln – c/o pop
12.5. Berlin – Frannz Club



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