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The Screenshots im Interview: Vom "Wunderwerk Mensch"

Kurt Prödel, Susi Bumms und Dax Werner: Das sind The Screenshots. 2018 haben sich die drei Twitter-Menschen zu ihrer Punkrock-"Do-It-Yourself-Hobby-Band" aus NRW zusammengeschlossen. Im Oktober haben sie nach dreijähriger Pause ihr neues Album Wunderwerk Mensch veröffentlicht. Ich habe sie auf ihrer Tour in Dortmund besucht, um mit Dax über Menschen, KI und die Liebe zu sprechen. Ich treffe Dax in einem kleinen Backstageraum, wir sitzen an einem Tisch zwischen Buffet und Bühnentür.


Pressefoto The Screenshots Vom Wunderwerk Mensch
Foto: Stephan Pick

Die Eifel und die Charts


Euer letztes Album 2 Millionen Umsatz mit einer einfachen Idee habt ihr 2020 veräffentlicht. Dann schwebte eure Band vor dem Aus. Auf Instagram habt ihr geschrieben, dass ihr gar nicht wusstet, wie und ob das Projekt überhaupt weitergeht. Wie kam es überhaupt dazu, dass ihr ein neues Album aufgenommen habt?

Dax: Wir hatten einfach wieder Bock Musik zu machen. Die Tour wurde wegen Corona sehr oft verschoben. Lange Zeit war unklar, ob wir sie überhaupt spielen können, bis wir sie dann ersatzlos abgesagt haben. Das hat sehr viel Schwung rausgenommen.


Ich glaube, wir wollten dann wieder Songs schreiben, aber anders herangehen. Es war keine bewusste Entscheidung, aber wir haben das Album nicht in wenigen konzentrierten Sessions geschrieben, wie das Album davor. Bei Wunderwerk Mensch haben wir an vielen verschiedenen Orten, bei vielen Gelegenheiten, ein bisschen zerstreut Songs aufgenommen und es hat sich nach und nach zu einem Album ergeben.


Ihr habt in der Eifel in einer kleinen Waldhütte angefangen zu schreiben, stimmt das?


Dax: Die Waldhütte war eine Promogeschichte, die wir konstruiert haben. Ich glaube, wir haben ganz am Anfang erzählt, dass wir uns in einer Waldhütte in Norwegen eingeschlossen hätten. Aber es waren andere Orte: Verschiedene Studio Settings oder bei Leuten in der Privatwohnung. Unterschiedliche Umgebungen, die unter anderem dafür gesorgt haben, dass es sehr unterschiedliche Songs geworden sind.

Das Ziel von 2 Millionen Umsatz mit einer einfachen Idee war eine Chart-Platzierung, das habt ihr auch geschafft. Gegenüber DIFFUS habt ihr gesagt, dass ihr diesmal einfach froh seid, dass das neue Album erschienen ist und keine weiteren Ansprüche daran habt. Nachdem es jetzt schon eine Weile draußen ist, habt ihr bestimmt doch Ansprüche, dass es gut performt, oder nicht?

Dax: Eine Woche nach Release war klar, dass es für die Charts nicht gereicht hat. Seitdem sind wir entschiedene Gegner der Charts. Diese Kommerzialisierung von Musik und dieser ständige Wettbewerb, in dem sich Künstler befinden: Wirklich furchtbar (lacht). Ich glaube nicht, dass das der Kunst am Ende gut tut. Am Ende geht es darum, dass alle eine gute Zeit an ihren Instrumenten haben.

"Wir können es jetzt offen sagen: Wir sind entschiedene Gegner von sowas wie Charts."

- Dax Werner im Interview

Ist das eine anhaltende Entscheidung?


Dax: Bis wir wieder in den Charts sind (lacht)!



Wunderwerk Mensch


Anders als bei euren vorherigen Projekten, hatte ich beim Hören von Wunderwerk Mensch das Gefühl, dass ihr mehr Fragen in die Welt werft als ihr Antworten darauf findet. Ist der Mensch für euch eine große Frage?


Dax: Zumindest keine, die uns beim Schreiben je bewusst war. Aber das passt schon zu den Songs. Der Mensch und sein Werk hält viele Fragen bereit, über die es sich lohnt nachzudenken oder Lieder zu schreiben.

Habt ihr während des Albumprozesses auch ein paar Antworten über den Menschen gefunden?


Dax: Es wäre übertrieben zu sagen, wir wären auf Antworten gestoßen. Wie du meintest: Wir werfen diese Fragen in die Welt, oder zumindest in die Richtung unserer Hörer. Songs wie "Großeltern" oder "Wie es vorher war" haben eine gewisse Offenheit. Man muss sich nicht festlegen, worum es da geht. Ich habe die Songs ein paar Leuten gezeigt, die uns gut kennen oder die Musik mögen. Die haben den Inhalt sehr unterschiedlich interpretiert, was ein gutes Zeichen war. Die Songs lassen dann nicht nur eine Lesart zu. Aber alle Lesarten hatten natürlich mit dem Menschsein zu tun.


Ist Wunderwerk Mensch dann vielleicht auch mehr als Erklärung eurer alten, oft offen politischen Sachen gemeint?


Dax: Das unterstellt einen größeren Zusammenhang, als würden die Alben gewissermaßen miteinander reden. Das will ich offenlassen. Das kann sein, kann aber auch nicht sein. Das war nicht unsere Intention, aber auszuschließen ist es natürlich auch nicht.


Was bewunderst du an Menschen?


Dax: Jede Menge. Natürlich nicht an allen Menschen, aber an denen, die mir wichtig sind und die ich sehr gerne habe. Es klingt kitschig, aber manchmal bekommt man Geschichten mit, in denen es Leute eigentlich schwer haben und sich trotzdem Zeit nehmen, was Gutes zu tun oder jemand anderem zu helfen. Ich finde es bewundernswert, wie viele Menschen grundsätzlich eine Kraft haben, was Gutes zu tun, auch wenn nicht alles gut aussieht.


Habt ihr das Gefühl, dass ihr Themen musikalisch anders begegnen könnt als in eigenen Projekten? Da nutzt ihr andere Medien wie Podcasts oder Kolumnen.


Pressefoto The Screenshots Vom Wunderwerk Mensch
Foto: Stephan Pick

Dax: Ja, auf jeden Fall, da habe ich noch nie drüber nachgedacht. Früher waren wir viel auf Twitter. Für tagesaktuelle Sachen war Twitter die perfekte Plattform. Die kann man da satirisch oder künstlerisch kommentieren, aber ein Lied darüber wäre zu viel. In Songs wiederum sind wir ein bisschen weniger explizit politisch, das stimmt. Das ist auch nicht gewollt, ist uns im Nachhinein aufgefallen.


Als Songidee und -thema muss es uns alle drei anzünden. Das kann wirklich sehr vieles sein, aber es muss eine Perspektive darauf und ein Umgang damit sein, der nur innerhalb von unserer Band so möglich ist.


Ihr habt alle eine sehr starke eigene Meinung. Fällt es euch schwer, auf einen Nenner zu kommen?


Dax: Wir haben schon alle drei starke Meinungen. Das macht aber ein bisschen die Stärke aus. Dass man alles aushalten muss, diese Diskussion und das Aneinanderreiben in den unterschiedlichen Bewertungen von Sachen. Das mag dann in der Situation manchmal anstrengend sein, aber ich bin davon überzeugt, dass das bei so einem Projekt das Spannende ausmacht. Man trifft sich in einer Konstellation, in der man die Dinge auch teilweise sehr unterschiedlich sieht. Und da versucht man das Gemeinsame zu finden oder eine Lösung für das Problem zu suchen. Wenn ich mir vorstelle in einer Konstellation zu sein, in der alle dieselbe Meinung haben wie ich, das wäre super langweilig.


In "Immer 1x mehr", "Die Sonne scheint" oder "Die Liebe weiß nit wo se hinfährt" geht es um verschiedene Kontexte der Liebe. Welche Bedeutung hat sie für euch und für das Album?


Dax: Ich finde, das hat sich eigentlich auf den letzten Metern des Albums herausgestellt. Susi hat noch einmal zwei Songs mit neuem Text ausgestattet. "100.000 €", die ältere Fassung von "Modern Dance", handelte noch von einer Ich-und-Du-Beziehung, in die Geld reingrätscht und in der jemand versucht viel Geld für einen gemeinsamen Traum zusammenzukratzen.


Das starke an "Modern Dance" ist, dass es davon weggeht und etwas ganz anderes aufmacht. Er wirkt den ganzen Song über als umfassende Metapher und arbeitet frisch mit dem Bild. Ich werte das als gutes Zeichen dafür, dass es eben nicht nur um Liebe geht.


Bei "Nimm das Geld und renn" haben wir auch nochmal den Text ausgetauscht. Da geht es inzwischen um ein anderes Thema, dieses Ding zwischen Mensch und KI was eben auch zum Wunderwerk Mensch dazugehört. Da, wo wir das Gefühl hatten, es könnte der eine Liebessong zu viel werden, haben wir noch mal korrigiert.


Habt ihr als Internetmenschen auch manchmal Angst vor KI?


Dax: Ehrlich gesagt noch nicht so richtig. Es fühlt sich aber so an, als würde man das traumtänzelnd ausblenden. Wir erzählen uns regelmäßig gegenseitig, welches neue Tool wir entdeckt haben oder wie stark Chat GPT ist. Ich habe das relativ früh genutzt und nutze es auch immernoch viel - nicht um künstlerisch tätig zu sein, aber für alles andere Berufliche.


Heilung, Rockstars und die Tour


Euer Song "DINA8" handelt von Dingen, die einen glücklich machen. Was kommt auf deinen Zettel DIN A8, was macht dich gerade glücklich? 


Dax: Ganz viel. Dass wir unsere Konzerte gerade nachholen können, zum Beispiel.


In eurem Lied "Rockstar wie Chad Koeger" besingt ihr das Rockstardasein. Fühlt ihr euch im Moment auf eurer Tour wie Rockstars?


Dax: Ich meine, schau dich um (lacht und deutet auf das spärliche Buffet). Näher als bei diesem Buffet kommen wir dem Rockstarleben niemals.


Im Zuge eines Instagramreels hast du dich mit der Frage beschäftigt, ob Musik heilend sein kann. Da meintest du sehr sarkastisch: "Ich hab es selber erlebt an mir. Die Musik hat mich in gewisser Weise geheilt. Und zwar von mir selber." Empfindest du das Album als heilend für dich?


Dax: Habe ich auch noch nie ernsthaft darüber nachgedacht (lacht ausgiebig). Ich habe das damals nur aus Quatschgründen gesagt, weil es gut klingt.


Ihr habt schon viel persönliches in Wunderwerk Mensch reingesteckt.


Dax: Ja, auf jeden Fall. Heilen finde ich ein bisschen übertrieben, dafür ist es noch nicht lang genug draußen. Aber ich habe ein sehr positives Gefühl gegenüber diesem Album. Auf der einen Seite, weil wir jetzt schließlich erklärte Gegener der Charts sind und es uns egal ist, dass wir nicht gechartet sind. Auf der anderen Seite fühlt es sich an wie ein Abschluss der letzten zwei Jahre.


Wir spielen jetzt die Tour und es macht total Spaß. Es ist sehr geil, dass Leute kommen und wir die Möglichkeit haben, vor ihnen auf der Bühne zu stehen. Das hätte ich vor ein paar Jahren nicht gedacht, dafür bin ich sehr dankbar.


Ich freue mich, dass wir das vielleicht auch noch eine Weile weitermachen können und wieder Raum für Neues entsteht.


Also macht es Mut für die Zukunft?


Dax: Auf jeden Fall.


 

Wunderwerk Mensch ist am 13. Oktober via Musikbetrieb R.O.C.K erschienen.

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