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Noth im Interview: "In der Freude steckt nicht viel Tiefe"

"Zufriedene Lieder fallen mir schwer, weil meistens ein trauriges ein besseres wär." So heißt es auf einem Song des neuen Albums von Noth. Warum das so ist, hat uns die Band im Interview zu Lieder vom Verschwinden erzählt. Gesprochen haben wir außerdem über die Fähigkeit das Besondere im Alltag zu entdecken, die Wichtigkeit des Lehrerberufs, und die Entstehungsgeschichte des Albums.


Noth Pressefoto "Lieder vom Verschwinden"
Foto: Rebecca Kraemer

Vor kurzem ist euer neues Album veröffentlicht worden: Lieder vom Verschwinden. Was macht das zweite Album, gerade im Kontrast zum ersten, für euch so besonders?


Linus: Das zweite Album ist breiter aufgestellt. Dadurch, dass wir im ersten unseren ganz bestimmten Sound im Ohr hatten, war es geschlossener. Diesmal haben uns da gar nicht so eingeschränkt, sondern uns generell das Thema des Verschwindens vorgeknöpft. Dabei haben wir versucht alle Facetten abzuklappern, sowohl textlich, als auch musikalisch. Wir haben einfach mal das gemacht, worauf wir gerade so Bock hatten. Dadurch ist es ein bisschen offener und ich finde viele Songs stehen noch mehr für sich selber.


Luis: Trotzdem ist die Herangehensweise bei beiden Alben ähnlich gewesen. Also wir hatten ein Oberthema und haben gesammelt, was uns dazu einfällt. Darum herum hat sich dann das Album wie von selbst gebaut.


Viele eurer Songs, aber besonders das Lied "Alles ist vergänglich" beschreibt eine gewisse Ambivalenz zwischen einer Ablehnung vom tristen Alltag und einem Feiern dessen. War das die Intention hinter diesem Song?


Luis: Ja, in der Kunst finde ich alles spannend, wo Ambivalenz zu finden ist. So wie in der Menschlichkeit. Es gibt keinen grundsätzlich schlechten oder guten Menschen sondern alles hat mehrere Facetten. Und je nach Blickwinkel verändert sich die Meinung zu Themen. Das macht Kunst für mich persönlicher. Zu sagen, alles sei schön, oder alles sei schlecht, ist irgendwie gelogen und unecht.


Linus: Genau. Wenn man es schafft in einem Song etwas auszudrücken, was man auf verschiedene Weise interpretieren kann, dann erreicht man eine gewisse Tiefe. Das versuchen wir in unseren Songs.




Es gibt auf "Kleines Lied" die Textzeile: "Zufriedene Lieder fallen mir schwer, weil meistens ein Trauriges ein besseres wär". Spricht das nicht eher dafür, dass ihr doch lieber Texte schreibt, die eine gewisse Dramatik haben?


Luis: Das ist einfach eine sehr ehrliche Zeile, die mir so eingefallen ist. Ich empfinde es so, dass es tatsächlich leichter ist, ein trauriges Lied zu schreiben. Ich habe das Gefühl, wenn es einem gerade klasse geht, dann hat man oft bessere Dinge zu tun, als Kunst zu machen. Außerdem finde ich auch, dass in der Traurigkeit der bessere Ort für Ambivalenz liegt. In der Freude steckt meiner Meinung nach nicht viel Tiefe.


Linus: Obwohl die Zeile nicht von mir kommt, habe ich mich auch darin wiedererkannt. Wir wollten in Abgrenzung zum ersten Album, welches eine gewisse Schwermut hat, dieses Mal etwas Aufmunterndes schreiben. In dem Lied finde ich cool, dass das Fundament die Schwermut ist, aber man trotzdem diese Glücksmomente beschreibt.


Euer erstes Album wurde in Hamburg aufgenommen. Wo habt ihr die Texte diesmal geschrieben und habt ihr generell einen Lieblingsort, an dem ihr am besten schreiben könnt?


Luis: Diesmal war es ein bisschen verstreuter, wir haben ein bisschen was in Köln geschrieben. Auch bei Linus Eltern zu Hause haben wir Zeit verbracht, um zu schreiben. Eine Sache, die wir gern machen, um einfach nicht die ganze Zeit am Tisch zu sitzen, ist ein bisschen rauszugehen und währenddessen zu schreiben. In einem Park oder so herrscht ein ganz gutes Ambiente um das Gehirn frisch zu halten.


Linus: Wir schreiben auch einfach gerne zusammen. 90 Prozent der Songs entstehen durch gemeinsame Ideen. Manchmal gibt es Songs, die schon halb fertig sind, die wir dann gemeinsam nochmal zu Ende schreiben.


Das Lied "Wunder Punkt" habe ich verstanden als eine ironische Antwort auf so alltägliche Situationen, die in dem Lied auch beschrieben werden. Kommt da die Genervtheit vom Alltag durch?


Luis: Vieles in dem Lied sind Situationen und Verhaltensweisen die wir entweder an anderen, aber natürlich auch an uns selbst beobachten. Es geht so ein bisschen darum, wie man damit umgeht, weil so eine gewisse Tristesse kann sich natürlich im Alltag einschleichen, damit kann man dann entweder Unzufrieden sein, oder seinen Frieden damit schließen.

Linus: "Wunder Punkt" zeigt sowas wie einen Spagat zwischen gesellschaftlichen Standards, dem Wunsch nach Selbstoptimierung und die Betrachtung davon mit einem Augenzwinkern.


Noch ein Lied, in dem man erkennen kann, dass ihr nicht in den Standard Lebensstil reinpasst, wäre für mich "Gute Lehrer". Habt ihr Berührungspunkte mit dem Berufsalltag von Lehrkräften?


Luis: Wir beobachten im Moment das Phänomen unter Musiker*innen, dass viele Leute gerade umsatteln und Lehrer werden, weil wir aktuell so einen Lehrermangel haben.


Linus: Ich habe in der Corona Zeit auch Saxophon Unterricht an einigen Schulen gegeben, da konnte ich in viele Schulen reingucken. Das fand ich ein ganz spannendes Feld und einen interessanten Ort. Ich habe einige Lehrkräfte kennengelernt, die in meinem Alter sind, und in denen ich mich wiedererkannt habe. Einige sind teilweise eher alternativ drauf und befinden sich eben an diesem Ort, an dem sie als Lehrer eine gewisse Rolle erfüllen müssen.


Das heißt, ihr steht dem Lehrerberuf eigentlich nicht negativ gegenüber?

Linus: Nein, gar nicht. Einer der wichtigsten Berufe, die es gibt. Leuten etwas beizubringen, ist auf jeder Ebene wichtig. Also der Song soll nicht so wahrgenommen werden, dass wir uns über Lehrer lustig machen wollten.


Luis: Genau. Aber es kann frustrierender Beruf sein und man kann als Lehrer gut und schlecht sein. In dem Lied checkt die Person vielleicht selbst, dass sie einfach nicht für den Beruf gemacht ist, und schafft in der letzten Situation der Kehrtwende. Oder auch nicht, also das bleibt ja ein bisschen offen am Ende.


"Zum Güldenen Einhorn" ist ein Liebeslied an eine Stammkneipe. Ist das an eine reale Kneipe angelehnt?


Beide: Es gab ein paar reale Vorbilder, aber das "güldene Einhorn" haben wir selber noch nicht gefunden.


Also ihr seid noch auf der Suche?


Luis: Ja, ich würde sagen, da recherchieren wir nochmal. Heute Abend machen wir uns nochmal auf Recherchetour.


Linus: Ja, vielleicht finden wir es heute Abend.


Ich drücke euch die Daumen.


 

Lieder vom Verschwinden wurde am 15. September via Backseat veröffentlicht.

 


 

TOURDATEN

23.11. Rekorder, Dortmund

24.11. Q, Marburg

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