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Fans und ihre Idole: Bitte bleib, wie Du bist

  • Autorenbild: Luisa
    Luisa
  • vor 1 Tag
  • 5 Min. Lesezeit

Der Lieblingskünstler soll sich nicht verändern: Viele Fans von Künstlern wie Harry Styles äußern aktuell einen Anspruch auf das Gleichbleiben seiner Musik. Warum diese Dynamik problematisch ist.


Harry Styles vor einem Spiegel und einer Discokugel
Credits: Tim Walker, Johnny Dufort

Pop-Musik: Ist sie nur unsere eigene Projektion?


"Hey boy, stop pacing around the room, using other people's faces as a mirror for you". Man kann nicht abstreiten, dass Matty Healy einem in diesen Zeilen vom Song "UGH!" den Spiegel vorhält. Wem genau, weiß ich natürlich nicht. Aber ich möchte seine Worte gerne ausleihen, für meinen Gedanken über uns als Publikum. Über uns als Musik-Liebhaber und Fans.


Denn, was die Zeile für mich ziemlich treffend beschreibt, ist ein wesentlicher Aspekt der Beziehung zwischen Künstler und Publikum: Als Publikum nehmen wir Teil am Erleben des Künstlers und projizieren gleichzeitig unsere eigenen Erlebnisse und Emotionen auf die Musik.


Die Kunst eines Musikers besteht oft darin, Momente aus dem Leben in eine Melodie zu verwandeln und Erlebnisse in Textzeilen herunter zu brechen. Erkenntnisse, die sich dem Künstler vielleicht über Jahre hinweg offenbaren. Als Publikum dagegen, können wir sie innerhalb einer Sekunde zu unserer eigenen Wahrheit machen. Manchmal fühlt es sich an, als wüsste der Künstler von unserem Leben und hätte den Song nur für uns komponiert. Bis zu einem gewissen Grad, ist das von beiden Seiten so gewollt.


Einem Taylor-Swift Fan dürfte zum Beispiel ein solches Empfinden nicht allzu fremd vorkommen. So schreibt ein Fan auf Facebook über ihren Song "Nothing New": "You know the thing people say about Taylor’s songs sounding like she somehow read your diary? It’s true for me with this song."


Hier findet sich dasselbe Sentiment, das Billie Eilish in diesem Kommentar über ihren Songwriting-Prozess ausdrückt: "I feel like I write so that people can think of it as theirs. If my song is exactly about your life right now then it is - I don’t even want to say that it’s mine because it’s yours." So beschreibt sie es zumindest noch 2017, zwei Jahre nach dem Beginn ihrer Karriere, in einem Interview mit Radio New Zealand.


Im Prinzip geht es um dieses unerklärbare Gefühl: Jemand, der dich nicht kennt und ein komplett anderes Leben führt, scheint dieselben Gedanken, Zweifel und Gefühle zu haben wie du. Genau das ist ja auch das Besondere an Kunst und Musik. Wenn wir uns nicht darin erkennen und uns damit identifizieren könnten, welchen Nutzen hätte sie dann für uns?


Aber wo liegt das Problem?


Das Problem ist: Durch diese besondere Art der Projektion zwischen Künstler und Publikum, scheinen Gefühle des Anspruchs aufzukeimen.


Im öffentlichen Diskurs lässt sich immer wieder ein Anspruch auf ein gewisses "Gleichbleiben" beobachten. Ein Anspruch auf Kontinuität in der Musik, aber auch bezüglich des Wesens des Künstlers selbst. Das wird an einem Publikum deutlich, das mal mehr, mal weniger offensichtlich folgendem Wunsch Ausdruck verleiht: "Bitte, bitte verändere Dich nicht. Ich wünschte, die Person würde wieder dieselbe Musik machen wie früher." So oder so ähnlich.


Es ist, als würde man dem Künstler sagen "Hör auf, zu wachsen. Hör auf, dich zu entwickeln." Oder um den Gedanken einmal bewusst extrem auszuführen: "Hör auf, für dich selbst Kunst zu machen. Und mach es stattdessen lieber für mich."



Harry Styles ist jetzt Kiss All The Time, Disco Occasionally


Die Weiterentwicklung eines Künstlers wird vom Publikum oft als Gefahr empfunden. "Anders" wird voreilig mit "schlecht" gleichgestellt. Aber warum ist das eigentlich so?


Meiner Meinung nach liegt es hieran: Fans erleben die Entwicklung nicht parallel mit, sondern nur etappenweise.


Wenn das Publikum nicht mit dem Artist wächst, oder in eine andere Richtung, entsteht schnell eine Dissonanz. Vielleicht wird die Kunst nicht mehr verstanden. Oder sie wird nicht mehr auf so tiefer Ebene gespürt wie früher. Als Fan erheben wir dann Anspruch – vielleicht nicht einmal auf die Kunst selbst, sondern auf unsere eigene Identität, die bisher in der Musik des Künstlers Ausdruck gefunden hat. Eine Identität, die mit der Veränderung zu verschwinden droht.


Harry Styles ist dafür das perfekte Beispiel: Die Love On Tour - Ära ist vorbei. Mit Kiss All the Time, Disco Occasionally (KATTDO) hat Harry Styles die Together, Together - Ära eingeläutet. Die Akustikgitarre ist den Synthesizern gewichen und die Stimme beugt sich der Produktion. Auf dem Album befindet sich kein dramatisches "Sign of the Times"-Äquivalent, stattdessen werden die Fans in Form von "Dance No More" zum Tanz aufgefordert.


Je nachdem, wo sich das Publikum gerade im Leben befindet, passt es. Oder es passt eben nicht. Entweder man freut sich über Disco-Harry, oder wünscht sich den melancholischen Harry Styles aus Zeiten des ersten Albums zurück.


Der Bruch


Viel zu schnell denken wir in sogenannten Äras. Einem Phänomen, dass sich Taylor Swifts Eras-Tour bewusst zu Eigen gemacht hat.


Die Sache ist: Zeit wird in der Welt der Musik künstlich in den Rahmen eines Album-Releases oder einer Tour unterteilt. Für das Publikum fühlt sich das unnatürlich an. Dieser Effekt wird durch ausbleibende Präsenz des Künstlers zwischen zwei Album-Releases verstärkt. Als Fans sind wir nicht Teil des kontinuierlichen Zeitflusses des Artists. Deutlich wird das vor allem bei jemandem wie Harry Styles, der zwischen den Album-Releases mehr oder weniger komplett von der Bildfläche verschwindet.


Musikalische und persönliche Veränderungen am Künstler können nicht wahrgenommen werden. Und so erscheint der Bruch mit dem Stil des vorangegangenen Albums nun eben schmerzhaft "anders". Wir spüren einen unangenehme Übergang zwischen zwei Versionen eines Künstlers, der auch von uns Fans eine Entscheidung erfordert, wie wir diesen "überbrücken" möchten. Oder zur Not – sollte es einfach nicht mehr zu uns passen – friedlich weiterzuziehen.


Musik-Machen vom Rücksitz aus


Neben den Gedanken über uns als Publikum, ist es interessant zu beobachten, wie der Künstler selbst sein neues Album reflektiert. Harry Styles' Gedanken scheinen in eine ähnliche Richtung zu gehen.


„I had this relationship with my own image and the idea of me that I think other people have. I had an expectation of myself to live up to being this projected version of me.“

Im Interview bei Q with Tom Power beschreibt er seine Herangehensweise bei KATTDO wie "Musik-Machen vom Rücksitz eines Rollercoasters". Für dieses Album wollte er nicht sich selbst in den Vordersitz setzten, sondern die Hörer. Er möchte ihnen eine Hand auflegen, während sie durch ihre eigenen Erlebnisse navigieren – ihnen den Soundtrack dafür liefern. Mit dieser Allegorie liefert Harry ein passendes Bild.


In Gesprächen zum neuen Album erzählt er von seiner Realisation, dass es nicht um ihn gehe, sondern um die Musik. Das festzustellen, sei für ihn sehr befreiend gewesen. Es steckt genau dieser Mechanismus der Projektionen zwischen Künstler und Publikum dahinter, von dem sich Harry Styles mit KATTDO zu lösen versucht. Auf den ersten Blick könnte man annehmen, er hat sich einfach stark vom EDM Genre und seinen Berliner Club Erfahrungen inspirieren lassen. Aber als er über den Song „Paint by Numbers“ spricht, sagt er wortwörtlich: "I had this relationship with my own image and the idea of me that I think other people have. I had an expectation of myself to live up to being this projected version of me."


Wenn ein Künstler uns das offenbart, sollten wir ihm zuhören.



Auch Matty Healy will seine Identität zurück


The 1975 kündigten ihren Fans schon 2016 an, sich ihre Identität zurückzuholen. Einen der Promo-Posts zum Album I love it when you sleep, widmen sie der Beziehung zwischen Künstler und Publikum. Und dem wechselseitigen Dilemma, dem sie ausgeliefert ist.



Irgendwo habe ich mal gelesen: Wenn ein Künstler anfängt, Kunst für das Publikum zu machen und nicht mehr für sich selbst, geht die eigentliche Kunst verloren. So oder so ähnlich.


Vielleicht meinen das auch The1975. So oder so ähnlich.

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