Bela B mit seinem Roman "Fun": Zwischen Gewalt und Sensationsgier
- Carlotta

- 5. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Eine Geschichte über Machtmissbrauch, sexualisierte Gewalt und die Verfehlungen unseres Justiz- und Moralsystems – erzählt von einem männlichen Autor, dessen Erzählungen vielen reellen Taten entlehnt scheinen. Bela B Felsenheimer bewegt sich in seinem aktuellen Roman "Fun" zwischen holprigen Feminismus-Gehversuchen, detaillierten Gewaltdarstellungen und viel Sensationsgier. Doch die Musikindustrie und allen voran Frauen brauchen mehr als das, was der Musiker hier versucht.

Das unendliche Labyrinth der Handlungsstränge
Eigentlich erzählt Bela B in "Fun" wie rund um die fest etablierte Rockband nbl/nbl (kurz für "Nabel Nabel") über die Jahrzehnte ihrer Karriere ein ausgeklügeltes Missbrauchssystem entstanden ist, in dem weibliche Fans in Backstages oder Hotelzimmern zu nicht einvernehmlichen sexuellen Handlungen manipuliert und gezwungen werden. Das Buch verstrickt sich in so viele episodenartige Handlungsstränge, dass sie sich hier kaum zusammenfassen lassen. Doch der Kern ist derselbe: Männer agieren als Täter.
Die Geschichte in "Fun" beginnt an einem Montag und erstreckt sich bis über das kommende Wochenende, an dem nbl/nbl drei Stadionkonzerte in einer Kleinstadt im Einzugsgebiet von Berlin spielen soll. Die Bandmitglieder sind dabei nur ein Teil der Protagonist*innen dieses Buchs, denn insgesamt gibt es unzählige POVs mit diversen Konstellationen: Eine der Protagonistinnen ist Ljilja, die von zwei Bandmitgliedern vergewaltigt wird und Anzeige erstattet. Alle Nebenstränge sind auf die ein oder andere Art mit dem Hauptplot rund um die Missbrauchsvorwürfe gegen die Band nbl/nbl verwoben. Durch die Anzeige von Ljilja kommt es erstmals zu Konsequenzen, aufgrund derer sich die Band und das Team hinterfragen müssen. Dennoch gibt es keine richtige Lehre oder tatsächliche Konsequenzen. Am Schluss können nbl/nbl einfach weitermachen und werden für ihre Taten nicht zur Rechenschaft gezogen.
Zwischen Gewalt und Sensationsgier: Fiktion vermischt mit einer Wiedererzählung der Vorwürfe gegen Rammstein
Hier kommen wir bereits zu den Kritikpunkten. Die vielen Subplots, die oft gar keinen eindeutigen Beitrag zur Gesamthandlung leisten, bringen große Verwirrung und zeigen, dass Bela B in erster Linie kein wahnsinnig guter Autor ist. Dass der Sprachstil veraltet wirkt und vor allem die weiblichen Charaktere oft unangenehm sowie stereotypisch dargestellt werden, kommt noch negativ hinzu. Dennoch fällt im Laufe der Erzählung vor allem eines auf: Die Handlung liest sich wie eine sehr detaillierte Nacherzählung der Vorwürfe gegen Rammstein. Es wird eine Systematik beschrieben, wie routiniert Frauen gecastet werden, um nach den Shows auf Backstage-Partys eingeladen zu werden. Die Handlungen, die dann dort passieren, decken sich mit all den Erfahrungsberichten der potenziellen Opfer von Rammstein. Gleichzeitig gibt es weitere Parallelen der Band nbl/nbl zu Rammstein. Die Texte sind ähnlich brutal, das Auftreten martialisch und der Sänger ein exzentrischer Mann, für den Kunst keine Grenzen kennt und wodurch er sein missbräuchliches Verhalten rechtfertigt. Es geht viel um Vergewaltigungen und andere Stufen der sexualisierten Gewalt, und die werden extrem graphisch beschrieben. Diese detailliert gewaltvolle Beschreibung ist aus meiner Sicht jedoch gar nicht nötig, um die Schrecklichkeit und Problematik daran aufzuzeigen. Dennoch lässt Bela B es in "Fun" nicht aus, jede Art der sexualisierten Gewalt aus der männlichen Perspektive – und damit aus Sicht des Täters – unglaublich bildlich zu beschreiben, sodass er an der Grenze zu reiner Sensationsgier kratzt.
Fragwürdige Feminismus-Gehversuche in einem Buch ohne Ziel
Eine Frage, die mir nach dem Lesen primär hängen bleibt und mich auch Tage später noch über dieses Buch nachdenken lässt, ist, welches Ziel Bela B mit "Fun" verfolgt. In erste Linie gibt er die Vorwürfe gegen Rammstein wieder, womit er wahrscheinlich auf Missbrauchssysteme in der Musikindustrie aufmerksam machen möchte. Doch dafür braucht man kein fiktives Werk, dafür kann man tagtäglich den Opfern diverser Musiker zuhören, die ihre Geschichten teilen und sich damit selbst in Gefahr begeben. Zumal es in "Fun" nichtmal Gerechtigkeit für die Opfer gibt. Trotz der Verhaftung eines Bandmitglieds, kann die Band einfach so weitermachen wie immer.
Gerade ein fiktives Werk bietet die Option einer Lösung, eines Friedens, an. Am Ende des Romans finden sich zwar feministische Ansätze, jedoch lediglich in Form des stereotypischen Rachefeminismus. Die missbrauchten Frauen oder die, die kurz davor stehen, sexualisierte Gewalt zu erfahren, werden plötzlich extrem selbstbewusst und stellen die Täter zur Rede. Sie filmen oder beleidigen sie, um sie bloßzustellen. Doch das sind keine nachhaltigen Strategien, um eine systematische Täterdynamik zu bekämpfen. Auch Bela B verschiebt die Verantwortung von den Tätern zu den Opfern. Die Frauen haben gefälligst dafür zu sorgen, dass sie keine sexualisierte Gewalt erfahren. Sie müssen laut und clever sein, weil die Täter ja nur dumme, vom Sexualtrieb gesteuerte Idioten sind. Wahrscheinlich meint Bela B das nicht so, aber das ist der (leicht überspitzte) Eindruck, den das Buch hinterlässt.
Es ist kein bahnbrechendes Werk, das Problematiken aufdeckt, von denen niemand wusste oder eine Lanze für eine feministische Zukunft bricht. "Fun" entpuppt sich primär als das Wiederkäuen von den Rammstein-Vorwürfen, die in ein entsprechend gewalttätiges Gewand gehüllt werden und sämtliche Täterfantasien erzählt, die Männer haben können. Der sonst sehr engagierte, aktivistische Bela B hätte mit seiner Reichweite, seiner Stimme ein ebenso aktivistisches Buch schreiben können, das Lösungsvorschläge gibt oder tatsächlich unbekannte Strukturen aufdeckt. Stattdessen hält er lediglich die Kamera auf die Gewalt selbst und gibt den Tätern einen größeren Raum, als dem Kampf gegen diese Taten. Denn, wie nbl/nbl, haben auch Rammstein bis dato keine nachhaltigen Konsequenzen erfahren und Till Lindemann befindet sich aktuell auf Solotour. Um die Taten der Band und die Frauen, die sich mutig und laut geäußert haben, ist es still geworden. Sie erfahren keine Gerechtigkeit. Stattdessen werden ihnen immer mehr Aussagen verboten.
Anstatt "Fun" zu lesen, würde ich allen ans Herz legen, ihre Zeit tatsächlich aktivistischen Menschen zu schenken, die etwas in der Musikbranche ändern möchten. Beispielsweise Rike van Kleef, die mit dem Buch "Billige Plätze" darauf aufmerksam macht, in welchen Bereichen FLINTA*-Personen in der Musikindustrie benachteiligt werden und Lösungsansätze aufzeigt, um diese Gaps zu verkleinern.





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