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Der Mut zur Musik: Blush Always im Interview

Blush Always hat am Freitag ihr Debütalbum You Deserve Romance veröffentlicht: Authentische Gitarrenmusik kombiniert mit bisher unentdeckte Facetten von Liebe. Eine Woche vor Release habe ich mich mit Katja beim Reeperbahn Festival zum Interview getroffen. Dabei entstanden ist ein Gespräch über Mut und Unsicherheit, moderne Romantik und den Einfluss von Sally Rooney.

Blush Always Pressefoto You Deserve Romance
Foto: Hannes Meier

Die Anfänge von Blush Always


Wie waren deine Shows auf dem Reeperbahn Festival?


Richtig schön! Tatsächlich hatten wir sehr gute Shows. Showcase Festivals können in zwei Richtungen gehen. Entweder man ist richtig gestresst und hat eine richtig schlechte Zeit oder man versucht das alles mit Humor zu nehmen. Das haben wir uns heute vorgenommen und es klappt ausgesprochen gut.


In einer Woche erscheint dein Debüt-Album. Was waren denn die wichtigsten Stationen deiner Karriere bis jetzt?


2019 habe ich angefangen Gitarre zu spielen und eigene Songs zu schreiben. Teil einer Band sein und auf einer Bühne stehen war schon lange ein großer Wunsch von mir. Das hat mich sehr viel Überwindung gekostet, aber ich habe den Schritt dann einfach irgendwann gewagt.


Bei einer dieser ersten Shows hat zufälligerweise Lennart von den Leoniden zugeschaut und mich danach angesprochen. Lennart und Jakob haben mich von da an auf meinem Weg unterstützt und mich zum Beispiel an meinen Produzenten Magnus Wichmann vermittelt. Auch Dave und Dennis, die mit im Studio waren und jetzt Teil meiner Live-Band sind, habe ich durch sie kennengelernt. Das hat sich alles so gefügt, weil die Writing-Session vom Album so harmonisch war. Bevor die EP rauskam, haben wir sogar schon das ganze Album zusammen arrangiert.


Und jetzt erscheint das Album einfach, das ist der krasseste Schritt bisher. Zwischen den ersten Aufnahmen im Studio und dem ersten Ton, den ich auf der Gitarre gespielt habe, sind keine zwei Jahre vergangen und bis zum Debüt-Album nochmal nur zwei. Ich habe das Gefühl, dass alles so schnell ging.


Ich auch! Eigentlich sollte das Album schon im Februar erscheinen. Glaubst du, dass es auch gut war, dass der verschobene Release alles verlangsamt hat?


Auf jeden Fall! Rückblickend war ich überhaupt nicht bereit dafür. Jetzt haben wir viele Festivals gespielt und uns als Band etabliert. Ich habe auch herausgefunden, wer ich als Künstlerin sein will und wie ich mich auf der Bühne wohl fühle. Vor den Leoniden Support zu spielen ist sehr einschüchternd, weil die so eine krasse Live-Show machen. Ich habe eine Weile gebraucht, um zu verstehen, dass ich nicht so eine Rampensau auf der Bühne sein muss.


Dann sind noch neue Songs dazu gekommen, die zum Album gepasst haben und mir sehr viel bedeuten. Jetzt stehe ich zu tausend Prozent hinter dem Album.


Du hast sie eben schon erwähnt: Welche Rolle spielen denn die Leoniden in deinem künstlerischen Werdegang?


Ich habe Leoniden alles zu verdanken. Lennart natürlich, weil er etwas in meinem Songwriting gesehen hat, aber auch, weil er und Jakob mir am Anfang die Option geboten haben, ihnen meine Songideen zu schicken.


Das ist so wertvoll, als neue Künstlerin jemanden zu haben, der sich aufrichtig dafür interessiert, was du machst. Du kannst deine Musik natürlich Freunden zeigen, aber das ist nicht dasselbe wie Feedback auf einer musikalischen Ebene zu kriegen. Leoniden haben mir mein Selbstbewusstsein als Künstlerin gegeben und ich glaube, ohne sie hätte ich das alles nicht machen können.



Mut zur Selbstfürsorge


Dein Album heißt You Deserve Romance. Der Titel ist eine Referenz an das Buch Beautiful World, Where Are You von Sally Rooney. Warum?


Ich habe beim Lesen von diesem Buch gecheckt, worüber mein Album geht. Es handelt von zwei Freundinnen, die sich in E-Mails gegenseitig über ihre Beziehungen austauschen. Am Ende einer E-Mail schreibt eine der anderen: "You deserve romance". Sie erinnert ihre Freundin daran, dass sie es verdient hat, schöne Dinge in ihrer Paarbeziehung zu erleben und gut behandelt zu werden.


Diese Selbstfürsorge hatte ich nicht in der Zeit, in der ich die Songs geschrieben habe. Ich hätte mir das gerne selbst als Anfang 20-Jährige gesagt. Der Titel ist quasi eine Note-to-Self an mein früheres Ich.


Ich glaube nämlich, das muss man sich selbst erlauben. Das muss man zulassen, das muss man okay finden und auch erkennen, dass das was Schönes ist. Erst dann kann man das wirklich erleben.


Dann wollen wir mal konkreter über die Songs sprechen. In "Coming of Age" singst du "If we regret one thing, it's to be ashamed". Wofür bereust du denn, dich geschämt zu haben?


Vor allem bei Musik machen. Ich mache wirklich schon mein ganzes Leben lang Musik und es hat über 20 Jahre gedauert, bis ich mich getraut habe, sie Leuten zu zeigen.


Ich finde das fast schade. Ich glaube, dass es jungen Frauen sowieso schon schwer fällt, überhaupt Musik zu machen. Und ich hätte das musikalische Können sogar gehabt und habe mich trotzdem nicht getraut.


Ich habe mich so dafür geschämt, dass ich immer rot werde, wenn ich vor Leuten spiele. Das hat mich einfach davon abgehalten, Musik zu machen und jetzt ist das die allerschönste Sache in meinem Leben.


Jetzt hast du das Rotwerden ja in deinen Namen integriert.


Ja, ich wollte das vorwegnehmen. Da habe ich mich selbst ausgetrickst. Dadurch, dass es in meinem Namen steckt, passiert es mir jetzt nicht mehr.



Auf dem Album befindet sich auch der Song "At Home". Was magst du denn so gerne am Zuhause sein?


Der Song ist in einer Zeit entstanden, in der ich gemerkt habe, dass ich soziale Events und Verabredungen oft lieber absage, um alleine zu Hause zu sein. In dem Zeitraum habe ich auch angefangen Songs zu schreiben. Mir hat es so gut getan, dieses Outlet zu haben und Zeit mit mir selbst zu verbringen. Ich habe aber immer Ausreden gesucht, weil ich das Gefühl hatte, dass ich mich dafür rechtfertigen muss. Aber ich bin nunmal so. Mittlerweile kann ich auch dazu stehen und habe die Freundschaften herauskristallisiert, die dafür Verständnis haben.


In deiner anderen Single-Auskopplung "Divers" singst du "Take a walk inside of you, finding out where things are bruised". Du bist nicht nur Musikerin, sondern auch Psychologin. Bei der Zeile habe ich mich gefragt, inwiefern dein Beruf dich beim Songwriting beeinflusst?


Eigentlich nicht wirklich. Aber ich beschäftige mich jeden Tag mit der Psyche und dem Verhalten von Menschen. Natürlich reflektiere ich das auch in den Personen, die mir nah sind, vor allem wenn es problematische Züge annimmt.


"Divers" handelt von einer ehemaligen Beziehung von mir, in der ich das Gefühl hatte, dass ich die Person nie richtig kennengelernt habe. Ich habe mir die Frage gestellt, ob irgendwann der Punkt kommt, wo die Person jemanden an sich ranlässt. Ich würde mir so wünschen, dass sie das schafft.


Also ich glaube schon, dass es zusammenhängt. Ich mache mir einfach Gedanken darüber, wie Menschen funktionieren.



Moderne Romantik


Welche Dinge sind für dich "Oddly Romantic"?


Meine Lieblingszeile im Song ist: "I think it's oddly romantic, how i changed your algorithm". Die Situation dazu ist folgende: Wenn man viel Zeit mit einer Person verbringt und dann über ihren Laptop Musik hört, ändert sich deren Spotify Algorithmus. Wenn sie dann ihren Mix der Woche hört, hört sie die Musik, die ich mag und muss an mich denken. Das finde ich richtig schön.


Früher hat man sich Mixtapes gemacht, heute verändert man den Algorithmus. Das ist dann keine klassische Romantik, sondern eine moderne Form. Ich mag diese neuen Aspekte sehr gern.


Blush Always Pressefoto You Deserve Romance
Foto: Hannes Meier

Welche Farbe assoziierst du mit Blush Always und was symbolisiert sie für dich?


Rot! Alle Dinge, die mir wichtig sind, sind rot: meine Gitarre, mein Gesicht (lacht). Das ist einfach meine Lieblingsfarbe.


Du hast aber einen Song namens "Blue" geschrieben.


Ahh! (lacht)


Um was geht es in dem Song?


(Überlegt lange). Das ist einer der ersten Songs, die ich je geschrieben habe. Ich weiß ehrlich gesagt nicht so richtig, um was es geht. Ich habe da keine Notiz im Handy gehabt, sondern einfach drauf los gesungen.


Ich hatte in meinem Zimmer ein Bild mit der Zeile "Say Something" hängen, die ich dann in die Bridge eingebaut habe. Ich habe mir das damals an die Wand gehangen, weil ich mir gerne häufiger sagen würde: "Mach einfach, trau dich einfach!"


Aber ich glaube, im Song geht es um eine Date-Situation, in der Stille aufkommt, bei der man nicht weiß, was sie bedeutet. Da würde ich mir oft gerne selbst einen Arschtritt verpassen, zu sagen, was ich fühle.


"But who is the you in your songs /I think you are the you in my songs"

- Blush Always in "Our Moans Will Echo"


"Our Moans Will Echo" handelt vom lyrischen Du. Fragst du dich manchmal, ob Menschen aus deinen vergangenen Beziehungen sich wundern, wer das "you" in deinen Songs ist?


Genau das frage ich mich. Und wenn sie selbst auch Musik machen, frage ich mich das auch über deren Songs. Vor allem denke ich oft darüber nach, wie eine Person oder eine Beziehung sein muss, damit sie mich inspiriert, Songs zu schreiben. Ich habe viele Menschen in meinem Leben, über die ich 100 Songs geschrieben habe, und es gibt andere, die mir genauso wichtig sind, über die ich keine schreibe. Also ist die gesündeste Beziehung vielleicht gar nicht die, die einen inspiriert, Songs zu schreiben?


Das fragt man sich ja auch bei anderen Künstler*innen, wer mit "you" gemeint ist.


Ja, und das sagen die dann immer nicht (lacht)!


Ein Song ohne Gitarre


"Piano Song" ist der einzige, auf dem man dein Signature-Instrument - deine Gitarre - nicht hört. Du spielst ja noch gar nicht so lange Gitarre. Warum hast du damals angefangen und was war da anders als bei deinen anderen Instrumenten?


Ich habe mit Klavier und Querflöte den klassischen Musikschulweg gewählt. Alle meine Vorbilder haben Gitarre gespielt und ich wollte das auch unbedingt. Ich hab dann immer gedacht, naja, du hast ja schon dein Klavier. Klavier in einer Band war aber einfach nicht mein Geschmack, deswegen habe ich letztendlich doch mit der Gitarre angefangen.


"Piano Song" ist für mich trotzdem super wichtig, weil ich ihn mit 14 Jahren im Klavierunterricht geschrieben habe. Mein Klavierlehrer hat erkannt, dass ich Interesse am Songwriting habe, deswegen ist dort dann das Instrumental entstanden. Er hat mich dazu ermutigt, noch andere Instrumente und Vocals hinzuzufügen. Ich wollte das aber immer nicht, weil ich das Gefühl hatte, mein Gesang ruiniert diesen Song.


Als ich wusste, dass es ein Album geben wird, musste ich immer daran denken, dass dieser Song noch irgendwo liegt und dass ich den immer noch gut finde.


Ich war dann bei meinen Eltern zuhause, habe mich ans Klavier gesetzt und habe schließlich doch noch eine Melodie gefunden, die den Song nicht zerstört. Meine Eltern haben den schon tausendmal gehört, weil ich den früher immer im Wohnzimmer geübt habe. Deshalb haben wir ihn auch mit einem Raummikro aufgenommen. Ich wollte so dieses Gefühl von damals einfangen, als sie von der Küche aus zugehört haben.


Das klingt richtig schön. Man überlegt sich als Künstler*in mit Sicherheit genau, in welcher Reihenfolge die Tracks auf ein Album kommen. Warum ist "Dance Into My Head" der letzte Song des Albums?


Ich bin in der Zeit neu nach Leipzig gezogen. Als ich angekommen bin, war alles neu für mich und es war Winter, was sowieso schwierig war. Ich wusste aber, das Beste kommt noch. Mir wird die Stadt gezeigt und ich werde lauter schöne Sachen erleben. Ich habe sozusagen im Winter die Weichen gestellt, für alles schöne, was im Sommer kommt.


Der Song klingt sehr tragisch, ist aber eigentlich ein fröhlicher Song. Auch wenn er in einer Zeit entstanden ist, in der das noch nicht so war. Er ist aber positiv gemeint, nach dem Motto: “The best is yet to come”. Deswegen ist das der perfekte letzte Song.

 

You Deserve Romance wurde am 29. September via Embassy of Music veröffentlicht.

 


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